Vorgeschichte
Im Vorfeld des Ereignisses zeigten die Modelle eine Entwicklung, die von den Meteorologen besondere Aufmerksamkeit verlangte. Es wurde die Zugbahn eines Höhentroges vorhergesagt, der von der Biskaya über Südfrankreich-Oberitalien-Slowenien nach Ungarn verlief, auch bekannt als sogenannte Vb-Zugbahn. Je nach Ausprägung des Systems (Feuchtegehalt der Luftmassen, Stärke der Aufgleitprozesse sowie Nähe des Troges zum Alpenraum) fallen die Niederschläge bei diesen Lagen örtlich sowie zeitlich unterschiedlich stark aus.
Bereits am 11. und 12. August fielen mit dem Durchzug zweier Störungssysteme auf der Alpennordseite und in den Alpen zwischen 30 und 70 mm Niederschlag. Somit waren die Böden teilweise schon gesättigt und mit dem zu erwartenden Niederschlagsereignis musste teilweise mit Abflussproblemen gerechnet werden.
Wetterablauf
Im Vorfeld des Troges über der Biskaya verlagerte sich am 14. August eine Kaltfront von Frankreich her langsam Richtung Schweiz. Vor der Front wurden gegen Abend in den Alpen die ersten Schauer ausgelöst. Als die Kaltfront um Mitternacht über der Westschweiz lag, hatten mit der Winddrehung auf Südwest bis Süd erste Stauniederschläge auf der Alpensüdseite eingesetzt. Am Freitagmorgen, 15. August erstreckte sich die Front von der Alpensüdseite über die östlichen Voralpen bis zum Bodensee. Gleichzeitig lag der Höhentrog über Südfrankreich und über Oberitalien bildete sich ein Bodentief aus. In den unteren Schichten bis auf etwa 2000 Meter Höhe hatte der Wind auf nördliche Richtung gedreht, während darüber immer noch südwestliche bis südliche Winde dominierten. In der zweiten Tageshälfte begann sich das Höhentief über Oberitalien abzuspalten und bis am Abend erreichte das Bodentief an derselben Position seine stärkste Ausprägung. Die Verlagerung des Höhentrogs und die daraus resultierende Wettersituation im Alpenraum ist mit den Bildern 1 bis 3 dokumentiert. Gleichzeitig baute sich über Frankreich ein Zwischenhoch auf, und die Winde über der Alpennordseite drehten auf Nord bis Nordost. Damit wurde die Frontalzone, welche am Nachmittag vor allem über dem Mittelland wetterwirksam war, zum zentralen und östlichen Alpennordhang verlagert, wo mit einem Niederschlagsmaximum in den späten Abendstunden, insgesamt die grössten Niederschlagsmengen registriert wurden (Bilder 4 und 5). In der Nacht auf Samstag setzte sich das Zwischenhoch von Frankreich her durch und sorgte auch dem Alpennordhang entlang für ein allmähliches Abklingen der Niederschläge.
Bild 4: Stundensummenverlauf des Niederschlags an den Stationen Luzern, Engelberg und Zürich
gross.jpg, 91 KB24-stündige Niederschlagsmengen und Vergleich zu Extremereignissen
Die während dem Hauptereignis zwischen dem 14. August um 20 h und dem 15. August 20 h gefallenen Niederschläge waren beträchtlich. Die grössten Mengen fielen längs der zentralen und östlichen Voralpen, nämlich vom Haslital über die Kantone Schwyz und Zug, Zürcher Oberland, Toggenburg bis zum östlichen Bodensee. Hier wurden verbreitet um 50 mm gemessen. Die grösste Menge verzeichnete Luzern mit 69.3 mm. Diese Werte sind zwar beachtlich, stellen aber kein extremes Ereignis dar. Die Wiederkehrperiode der gemessenen Niederschlagssumme der Station Luzern beträgt ca. 8 Jahre.
Da das Ereignis länger als 24 Stunden dauerte, waren die Gesamtsummen grösser. Die grösste Menge wurde mit 102 mm in Engelberg gemssen (Bild 5). Die 2-tägige Wiederkehrperiode für diese Station entspricht einem 5-jährlichen Ereignis.
Die bisher in der Innerschweiz gemessenen Extremwerte sind aber bedeutend höher. Sie fallen meistens bei gut ausgeprägten Vb-Lagen, wenn mit nördlichen bis nordöstlichen Winden milde Mittelmeerluft um das Tief herum zu den Alpen geführt und gestaut wird. Bei solchen Lagen können lokal Tagesmengen von bis zu 200 mm erreicht werden, wie beispielsweise bei den katastrophalen Unwettern am 14. und 15. Juni 1910 sowie am 21. und 22. August 2005. Aber auch in wesentlich kürzeren Zeiträumen wurden in der Innerschweiz schon grosse Niederschlagssummen gemessen, so sind am 31. Juli 1977, bei einem schweren Unwetter im Kanton Uri, in Aesch bei Unterschächen innert weniger als 10 Stunden 172 mm gefallen.
Die grössten Niederschlagsmengen in der Schweiz werden allerdings bei Südstaulagen im Tessin erzielt. In Camedo im Centovalli sind am 10. Sept. 1983 innert 24 Stunden über 400 mm erreicht worden. Die genaue Menge lässt sich nicht mehr bestimmen, da der Niederschlagsmesser überlief. In Maggia sind im übrigen schon innert 1 Stunde über 100 mm gefallen.
