Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz

Aktuelles zum Wettergeschehen

08. September 2008 / Marco Stoll, Ludwig Zgraggen, Daniel Gerstgrasser

 

5 Tage Starkregen im Tessin und in Teilen Graubündens

 

Der Artikel fasst die wesentlichen Ereignisse auf der Alpensüdseite zusammen und legt ein zweites Schwergewicht auf die betroffenen Gebiete der deutschen und rätoromanischen Schweiz. Eine vertiefte Analyse mit Fokus Alpensüdseite, erstellt von Giovanni Kappenberger, Locarno-Monti, ist auf unserer italienischsprachigen Webseite einsehbar: Abbondanti precipitazioni al sud delle Alpi.

 

Die erste Septemberwoche war geprägt von intensiven Niederschlägen, welche vor allem das westliche Tessin, das Calancatal und das Misox sowie die Gebiete längs des Urner und Bündner Alpenkammes erfassten. Verantwortlich für die Niederschläge war die anhaltende Zufuhr von feucht-warmer und vor allem sehr labil geschichteter Luftmassen aus dem Mittelmeerraum zur Alpensüdseite. In dieser wasserdampfreichen Luft bildeten sich Schauer- und Gewitterzellen, welche wiederholt und linienartig über die oben erwähnten Gebiete zogen. Mit der starken südwestlichen Höhenströmung wurden die Niederschläge über den Alpenhauptkamm hinweg nordostwärts verfrachtet. Die Schneefallgrenze lag während der Phase der intensivsten Niederschläge über 3000 Meter. Der Grossteil des Niederschlags fiel somit in flüssiger Form, was für ein rasches Ansteigen der Flusspegel sorgte.

 

Bild 1: 5-tägige Niederschlagssumme vom 3. bis 7. September 2008 der automatischen und Beobachterstationen der MeteoSchweiz

Bild 1: 5-tägige Niederschlagssummen vom 3. bis 7. September 2008, Messnetz MeteoSchweiz

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Bild 2: 48-stündige Niederschlagssumme vom Samstag und Sonntag, 6./7. September 2008 der automatischen und Beobachterstationen der MeteoSchweiz

Bild 2: 48-stündige Niederschlagssummen Samstag und Sonntag, 6./7. September 2008, Messnetz MeteoSchweiz

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Die Niederschlagssummen der automatischen Stationen von Mittwoch 3. bis Sonntag 7. September (5 Tage) sind in Bild 1 dargestellt. In den am meisten vom Regen betroffenen Gebieten auf der Alpensüdseite und längs des Alpenhauptkammes wurden grossflächig deutlich mehr als 200 mm Niederschlag gemessen. Den höchsten Wert verzeichnete die Station Robiei am Talende des Val Bavona mit 337 mm. Wie ein Vergleich mit Bild 2 zeigt, fiel ein grosser Teil der Niederschläge am Samstag 6. und Sonntag 7. September innert 48 Stunden. In dieser Phase wurden auf der Alpennordseite, im Gotthardgebiet, in der Surselva, im Rheinwaldgebiet und Avers sowie in Teilen des Glarnerlandes rund 80 bis 110 mm Niederschlag registriert. In der Westschweiz fiel in der Region Genf am Samstag gut 50 mm Regen.

 

Bild 3: Verlauf der Tagesniederschläge im Tessin vom 3. bis 7. September 2008

Bild 3: Verlauf der Tagesniederschläge im Tessin vom 3. bis 7. September 2008

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Bild 4: Verlauf der Tagesniederschläge in Graubünden vom 3. bis 7. September 2008

Bild 4: Verlauf der Tagesniederschläge in Graubünden vom 3. bis 7. September 2008

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Der zeitliche Verlauf der Niederschläge ist in den Bildern 3 und 4 verdeutlicht. Gezeigt sind 24-stündige Niederschlagssummen von ausgewählten Stationen im Tessin (Bild 3) und in Graubünden (Bild 4). In der ersten Phase (Nacht von Mittwoch, 3. auf Donnerstag, 4. September) konzentrierten sich die teils gewittrigen Schauer hauptsächlich auf eine Linie Lago Maggiore - Magadinoebene - San Bernardino. Sie wurden unter anderem durch eine Frontalzone verursacht, welche sich von Frankreich her näherte, und in ihrem Vorfeld die Schauerbildung an der ansteigenden Topographie des Alpensüdhanges unterstützte. Nach einer etwas ruhigeren Phase am Freitag intensivierten sich am Samstag, 6. September, im Vorfelder einer neuen Kaltfront, die Niederschläge erneut. Dabei drehten die Höhenwinde etwas mehr auf süd bis südwestliche Richtungen, so dass die weiter nördlich gelegenen Stationen in der Gotthardregion nun ebenfalls höhere Intensitäten erfuhren. Im Vorfeld der nahenden Kaltfront wurden die Niederschläge auch weit nordostwärts in die Surselva und bis ins Glarnerland verfrachtet, wie die 48-Stundensummen von 113 mm und 110 mm an den Beobachterstationen Tavanasa/GR, resp. Elm/GL zeigen (Bild 2 oben, sowie lokale Analyse am Sonntag, 7. September 00 UTC in der Spalte rechts).

 

Klimatologische Einordnung

In den Tabellen 1 und 2 sind die Niederschlagssummen über 24 Stunden (Samstag, 6. September) sowie die 5-Tagessummen über das gesamte Ereignis von ausgewählten Stationen aufgelistet. Für diese und einige weitere Standorte ordnet sich das Ereignis bezüglich der jeweiligen Akkumulationsperioden unter die 10 intensivsten ein, wobei die Häufigkeit des Ereignisses meist 10-jährig oder häufiger ist. An der NIME-Station Sonogno (Verzasca-Tal) wurde eine Tagessumme von 287 mm gemessen, dies entspricht einem 20-jährigen Ereignis, das während der Beobachtungsperiode nur ein einziges Mal übertroffen wurde (10. September 1983, siehe weiter unten). An der NIME-Station Zervreila wurde mit einer 4-Tagessumme von 209 mm der dritthöchste Wert der Messperiode registriert. Die Jährlichkeit dieses Ereignis beträgt 10 bis 20 Jahre. Noch grössere Summen fielen während den Ereignissen vom 13. November 2002 und 16. Juli 1987. Im folgenden Abschnitt werden die eben erwähnten drei Wetterlagen kurz mit derjenigen der vergangenen Tage verglichen. Insgesamt zeigen die statistischen Daten, dass es sich punktuell um ein extremes Ereignis handelt. Auf die gesamte Fläche der betroffenen Regionen bezogen, können jedoch alle paar Jahre solche Regensummen auftreten.

 

1-Tagessummen

  • Station
  • Summe 6.9.08
  • Wiederkehrperiode
  • Rang, Referenzperiode
  • Maximum
Sonogno/TI (Val Verzasca) 287 mm 20 Jahre (Statistik d. Vergleichstation Frasco, 2km südöstlich) 2 (1961-1994) 314 mm, 10.9.1983
Robiei/TI (Val Bavona) 154 mm < 10 Jahre 4 (1991-2003) 174 mm, 20.9.2000
Zervreila/GR (Valser Tal) 112 mm 10 Jahre 5 (1970-2003) 156 mm, 15.11.2002

 
Tabelle 1: Tagessummen Samstag, 6. September und Vergleich mit vergangenen Ereignissen


 


5-Tagesssummen

Station
  • Summe 3.-7.9.2008
  • Wiederkehrperiode
  • Rang, Referenzperiode
  • Maximum
Sonogno/TI (Val Verzasca) 653 mm - 1 (1961-1994) bisher 514 mm, 16.7.1987
Mosogno/TI (Valle Onsernone) 447 mm < 10 Jahre 10 (1961-2003) 659 mm, 22.4.1986
Zervreila/GR (Valser Tal) 209 mm 10 Jahre 4 (1970-2003) 291 mm, 14.11.2002

 

Tabelle 2: 5-Tagessummen (3.-7. September) und Vergleich mit vergangenen Ereignissen

 

 

Ähnliche Wetterlagen in der Vergangenheit

17./18. Juli 1987: In einem Ereignisbericht der Landeshydrologie und -geologie heisst es: „Intensive, über 30 Stunden dauernde Niederschläge lösten am 18./19. Juli 1987 im Bündnerland und im Tessin eine eigentliche Unwetterkatastrophe aus. Ganze Talschaften verzeichneten immense Schäden. Besonders betroffen im Bündnerland wurden das Puschlav, das Oberland zwischen Disentis und Ilanz, sowie das Lugnez.“ Und weiter unten: „Im Tessin bildeten das Bleniotal, die Region Faido und lokal auch das Maggia- und Verzascatal die Schadensschwerpunkte.“

 

Bild 5: Wetterkarte vom 18. Juli 1987

Bild 5: Wetterkarte vom 18. Juli 1987

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Ähnlich wie im aktuellen Fall floss damals ab dem 15. Juli relativ kühle Luft aus Grönland und Island gegen Europa, wo sie auf warme und feuchte Luftmassen traf. Stürmische Winde aus Südwest und eine aussergewöhnliche Instabilität waren weitere Zutaten, die man auch in den Tagen während des aktuellen Ereignisses vorfand. Eine weitere Parallele ist in der Position und Verlagerung der Kaltfront auszumachen, die damals während 24 Stunden über den Alpen stationär verharrte.

Bezüglich Niederschlagssummen während diesem Ereignis ist die Station Maggia hervorzuheben: extreme Intensitäten wie 55 mm/1h, 174 mm/4h und 392 mm/24 Stunden wurden damals registriert. In Faido und Frasco (unmittelbar neben Sonogno im Verzascatal) fielen 233 mm, bzw. 440 mm innert 24 Stunden. Die Bündner Stationen verzeichneten zwar geringere Intensitäten, jedoch hatte es während 84 Stunden praktisch anhaltend geregnet.

 

Bild 6: Niederschlagssumme vom 10. September 1983

Bild 6: Niederschlagssumme vom 10. September 1983

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10. September 1983: Die räumliche Niederschlagsverteilung ist derjenigen des aktuellen Ereignisses sehr ähnlich, die Wassermassen fielen jedoch in einer noch kürzeren Periode (Bild 6). In der Region Centovalli-Maggia-Verzasca fielen damals rund 400 mm auf einer Fläche von 150 Quadratkilometer innert rund 14 Stunden. Die Maggia (gemessen in Solduno, unterhalb Zufluss Melezza aus dem Centovalli) führte damals rund 3700-4000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde ab. Der Spitzenwert am vergangenen Sonntag, 7. September 2008 betrug knapp 2100 Kubikmeter pro Sekunde (Quelle: BAFU, www.hydrodaten.admin.ch). Als Vergleich: der Rhein bei Basel führt derzeit (Stand Montag 8.9.2008) vergleichsweise bescheidene 1200, während den Starkniederschlägen am 8./9. August 2007 führte er die August-Rekordmenge von 4810 Kubikmeter pro Sekunde.

 

Die Wetterlage vom 10.09.83 (Bild 7),  zeigt erneut Ähnlichkeiten mit dem aktuellen Ereignis in Bezug auf Position, Verlagerung und Wellenbildungen entlang der Frontalzone, welche sich den Alpen näherte und diese anschliessend überquerte (vgl. Wetterkarten 3.-7. Sep 2008 rechts oben).

 

Bild 7: Wetterkarten vom 9. bis 11. September 1983

Bild 7: Wetterkarten vom 9. bis 11. September 1983

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Föhn im Norden am "trockenen" Freitag

Der in Bezug auf die Regenfälle auf der Alpensüdseite etwas ruhigere Freitag, zeichnete sich am zentralen und östlichen Alpennordhang sowie in den angrenzenden Alpenrand-Gebieten durch kräftigen Föhn aus. Die Böenspitzen und die Tageshöchsttemperatur sind in Bild 8 gezeigt. In den klassischen Föhngebieten im Urner- und Glarnerland sowie im Rheintal zwischen Bodensee und Nordbünden betrugen die Böenspitzen 70 bis 85 km/h bei Temperatur-Höchstwerten um 28 Grad. In exponierten Berglagen lagen die Windspitzen zwischen 100 und 115 km/h (Gütsch, Titlis, Piz Martegnas, Corvatsch). Die allgemein milde, aus Südwesten einfliessende Luft sorgte zusammen mit der geringen Bewölkung auch im östlichen Mittelland sowie in den Regionen Genf und Basel für einen Sommertag (Höchsttemperatur über 25 Grad).

 

Bild 8: Böenspitzen und Höchsttemperatur am Freitag, 5. September 2008

Bild 8: Böenspitzen und Höchsttemperatur am Freitag, 5. September 2008

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Wetterkarte 3. Sept. 08

Wetterkarte 4. Sept. 08

Wetterkarte 5. Sept. 08

Wetterkarte 6. Sept. 08

Wetterkarte 7. Sept. 08

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